Plastik kann die Welt verändern 2015 (Text)

Mein Beitrag zum Buch „Mit Realutopien den Kapitalismus transformieren?“ In:  Michael Brie (Hrsg.) Beiträge zur kritischen Transformationsforschung 2 Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Hier der Text in voller Länge und hier als PDF (Brie_Realutopien_PDF):

Kann Plastik die Welt verändern?

Möglichkeitssinn und soziale Plastik – was aktuelle Projekte vorleben, die angesiedelt zwischen künstlerischer Praxis und sozialer Bewegung unsere Gesellschaft transformieren

„Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, (…) dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. (…) und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“

Robert Musil „Der Mann ohne Eigenschaften“

„Was ist ist // Was nicht ist ist möglich // Nur was nicht ist ist möglich // Wir schreiben schwarze Zahlen ins utopische Kalkül // Wir fordern Fingerspitzen und das passende Gefühl // Tagsüber auch die Sterne, mehr Sterne überhaupt // Und heute schon die Gestrigen zum Untertagebau // Wir fordern Sonnenuntergang für das Abendland // Tanzvermögen, unerschöpflich, die Nacht danach ist lang // ohne . . . . . .und jenseits von Kritik // einen völlig leeren Himmel, angereichert mit Musik.“

Einstürzende Neubauten „Was ist ist“

Ich möchte vier Projekte vorstellen, die aus meiner Sicht spannende Annäherungen zwischen sozialer Bewegung und verschiedenen künstlerischen Praxen darstellen. Sie sind dabei in ihrem Thema, ihrer Arbeitsweise und Entstehungsgeschichte sehr unterschiedlich. Man findet in ihnen jedoch einen bewussten oder unbewussten Bezug auf Joseph Beuys’ Konzept der Sozialen Plastik[1] sowie eine gewisse Chuzpe, die man braucht, wenn man was verändern will und über den Möglichkeitssinn verfügt.

Größer und politisch brisanter könnten die von ihnen bearbeiteten Themen nicht sein: Migration, Flüchtlingspolitik, Strukturwandel in Ostdeutschland, Recht auf Stadt, soziale Wohnungspolitik und europäische Finanzkrise. Es geht um das „Grand Hotel Cosmopolis“ (Augsburg), das Projekt „Große Potemkinsche Straße“ (Wittenburg, Mecklenburg-Vorpommern), die Mieter/innen-Bewegung „Kotti&Co“ (Berlin) und „Sound of crisis“ (Berlin/Europa). Alle vier unterscheiden sich von „Kunst im öffentlichen Raum“ dadurch, dass sie einen Wirklichkeitseffekt haben: sie zeigen, ändern und verbessern konkret die Lebensumstände der beteiligten Menschen, sie gestalten und entwerfen neue Lebensmodelle und ‑umgebungen und sind nachhaltig bzw. langfristig angelegt. Gleichzeitig begreifen sie die Art ihres eigenen Entstehungsprozesses und ihrer Entscheidungsstrukturen als immanenten Teil ihres „Kunstwerkes“, machen diesen sichtbar und übernehmen machtkritische, emanzipatorische Praxen, die man aus linken Bewegungen kennt. Umgekehrt können wir auch in Arbeitsweisen von neuen „sozialen Bewegungen“ (wie hier beispielsweise bei Kotti&Co) Einflüsse und Aneignungen aus künstlerischen Praxen und Denkweisen entdecken.

1.    Grand Hotel Cosmopolis

Die Idee zu diesem Text kam mir, als ich vom Grand Hotel in Augsburg hörte. 2011 gingen sie mit ihrem ersten Konzept mit dem Titel Konzept für eine soziale Skulptur in Augsburgs Herzen“ an die Öffentlichkeit. Es beinhaltete die Renovierung und Herstellung eines Hotels für Menschen mit und ohne Asyl – als soziale Skulptur statt als Protestgeste. Es wurde initiiert von einer Gruppe lokaler Künstler/innen, die das zentral gelegene, ehemalige Altersheim der Augsburger Diakonie umnutzen wollten. Mittlerweile finden sich hier Menschen mit Asyl, Menschen ohne Asyl (= Hotelgäste), Kunst-Ateliers und öffentliche Veranstaltungsräume unter einem Dach. Im August 2013 sind die ersten Geflüchteten in das Grand Hotel eingezogen, man kann nur erahnen, wieviel physische, denkende und kommunikative Arbeit zwischen diesen beiden Daten stattgefunden haben muss. Hier wird, in den Worten des Diakonie-Pfarrers Fritz Graßmann „die soziale Aufgabe der Unterbringung von Asylbewerbern verknüpft mit bürgerschaftlichem Engagement, kultureller Vielfalt und einem künstlerischen Ansatz. (…) Denn wenn wir in der Gesellschaft der Zukunft nicht in immer strenger vonein­ander abgetrennten Quartieren unter unseresgleichen leben wollen, sondern in einer offenen, zum Dialog über die Grenzen der sozialen, kulturellen und religiösen Milieus hinaus fähigen Gesellschaft, dann sollten wir Räume für diese Kommunikation bereitstellen.”[2]

Obwohl es unmöglich erscheint, dem Klammergriff der europäischen und deutschen Flüchtlingspolitik zu entkommen, wird das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Asyl hier doch so gut es geht versucht: handeln statt kapitulieren. Der Rekurs auf das Konzept der Grand Hotels schafft dabei einen ästhetischen, narrativen und diskursiven Rahmen, der das Topos Migration/Flucht mit Tourismus und Reise, Sehnsucht und Traum von einem besseren Leben verbindet und eben damit einen größeren, historischen Bogen zwischen den temporären Bewohner/innen spannt. Pagen in alten Fracks, Musiker/innen aus verschiedenen Ländern der Welt usw: Die visuellen, zeitlichen Grenzen zwischen Tages- und Dauergästen mit und ohne Asyl, Geschichten zwischen Realität und Fiktion lösen sich auf, neue Verbindungen entstehen, die Funktionalität von Verwaltungsdeutsch, desintegrierende und rechts(konservative) Ressentiments laufen ins Leere. Es entsteht eine lebhafte und lebendige soziale Plastik, wie sie sich selbst eindrücklich beschreiben[3].

2.    Große Potemkinsche Straße

Der niederländische Städteplaner Ton Matton, der seit 15 Jahren in Mecklenburg-Vorpommern lebt, sah im Fernsehen zufällig ein Interview mit einem Bürgermeister aus Wittenburg, der sich darüber beschwerte, dass es in seinem Dorf kein Geld und kein Interesse mehr an den dortigen Häusern gibt: Leerstand, Wegzug, Abwärtsspirale.

Daraufhin stattete Matton ihm einen Besuch ab und erklärte ihm, wenn er wirklich etwas ändern wolle, dann brauche er Menschen statt Geld: „Lass uns versuchen, alle negativen Geschichten dieser Stadt wegzuputzen hinter neuen Fassaden so wie Potemkin und damit neue Geschichten in die Stadt reinbringen und dann wird man auch andere Menschen anziehen!”[4] Sie einigten sich darauf, ein gemeinsames Projekt zu starten. Herzstück sollte die Bespielung der Häuser rund um die “Große Straße” (Wittenburgs Hauptstraße) sein. Ton Matton, damals Professor für Städteplanung an der Uni Wismar (derzeit in Linz), beantragte dafür Geld beim Wirtschaftsministerium. Mit der Begründung, dass das Kunst sei und keine ernstzunehmende Stadtplanung wurde sein Antrag abgelehnt. Er ließ sich nicht entmutigen und rief einfach direkt im Ministerium an: “Mit meinem komischen niederländischen Akzent habe ich gesagt: Pass auf, ich entscheide, was Stadtplanung ist, weil das ist mein Job als Professor. Und wenn ich sage, das ist Stadtplanung, dann ist das Stadtplanung.”

Nach der darauf folgenden Gesprächseinladung ins Ministerium wurde tatsächlich die Förderung des Projekts bewilligt. Das Ergebnis nach eineinhalb Jahren intensiver Arbeit mit den Menschen vor Ort, Workshop-Reihen mit dazu geladenen Künstlerinnen: die Fassaden der Häuser an der Großen Straße wurden neu inszeniert, einige der leerstehenden Häuser temporär bespielt (Kino, Tanzlokal, Parkhaus mit Bäumen statt Autos, Frühstückshaus, Schulhaus, Kinderstrand, Beschwerdebüro), die Straße mit utopistischen Skulpturen verändert: z.B. eine U-Bahn-Station mit scheinbar direkter Verbindung nach Berlin, eine riesige Tröte, mit der man durch das Dorf rufen kann.[5]

Bei der Eröffnung im September 2012 kamen mehr Menschen zusammen als Wittenburg Bewohner/innen hat, ein Beschwerdechor der Musikerin Bernadette La Hengst führte die Menschenmasse singend und sich beschwerend über die neue “Große Potemkinsche Straße”.

Langfristiger Effekt dieses ungewöhnlichen städteplanerischen “Eingriffs”: Es sind in Wittenburg neue Zusammenhänge zwischen Menschen entstanden, beispielweise stricken die Frauen auch jetzt noch zusammen, obwohl ihre Strickfassade längst fertig und aufgehängt wurde. Sechs der leerstehenden Häuser wurden tatsächlich verkauft! Und der Bürgermeister erzählte Matton erst kürzlich, dass sogar die Gemeinde-Sitzungen spannender geworden sind und er sie gern mit den Worten “Wir warten noch kurz auf die letzte U-Bahn, bevor wir anfangen…” eröffnet.

Mittlerweile bekommt Matton weitere Anfragen von Kleinstädten auf dem Land und ein neues Projekt in Hessen ist bereits in Planung. Er meint abschließend: “Man muss erst mal wieder lernen auf dem Land, mit Leuten umzugehen, die man nicht kennt, die nicht die eigene Szene und Freunde sind. Man muss Respekt lernen. Und es ist wichtig für den Selbstrespekt der Leute vor Ort, zu erfahren: da in den Großstädten gibt es auch Leute, die sich für uns interessieren. Dass sie nicht immer die Verlierer sind.”

Natürlich ist ein solches Projekt kein Allheilmittel gegen den massiven Strukturwandel, darüber macht Matton sich keine Illusionen, aber es zeigt, dass ungewöhnliche Mittel, Sprache, Frechheit ein Aufeinanderzubewegen von unterschiedlichsten Menschen ermöglichen und das Leben und Lebensgefühl dieser Dorf-Bewohner/innen nachhaltig ändern kann: “eine soziale Plastik ist das Potemkinsche Dorf, ja, ich bin Beuys-Fan. Aber es klingt ein bisschen hippiemässig angestaubt.” Matton entwickelte lieber den Begriff “performative urbanism”: Stadt auf dem Land “spielen”, Ideen und Erfahrungen in beide Richtungen austauschen, denn er weiß ja, wovon er spricht.

3.    Kotti&Co

Die Mieter/innen-Gemeinschaft Kotti&Co[6] gründete sich 2011, nachdem die Anwohner/innen der Wohnanlagen[7] in Berlin-Kreuzberg massive Mieterhöhungen erhielten. Eine Mieterin ging damals zum Unterschriftensammeln von Tür zu Tür; nach und nach entstand eine Initiative, die sich heute in dem täglich geöffneten Gecekondu[8] und einem bereits zweieinhalb Jahre währenden Dauerprotest mit über 25 Lärmdemos manifestiert. In einem Text zur Eröffnung des Gecekondu beschreiben sie sich so: „Wir sind Kreuzberg! – und nicht erst seit gestern. Wir! Für uns gibt es keinen Begriff, keine Kategorie. (…) Wir sind eine Gemeinschaft, die in der Welt von Sarrazin und vielen anderen nicht vorkommt. Wir sind Azubi, Rentnerin, Arzthelferin, Krankenpfleger, Bauingenieurinnen auf Hartz IV, wir sind Versicherungsvertreter, die Soziologie studiert haben, wir sind Metallbauerinnen, die ihre Doktorarbeit in Politik schreiben, Marktverkäuferinnen, Designer die im Kulturbetrieb arbeiten, wir sind Kinder von Leuten, die hier ihr Leben lang hart gearbeitet haben und mit den „Anwerbeverträgen“ kamen.“

Die Struktur von Kotti&Co beinhaltet derzeit eine Kerngruppe, um die herum sich eine große Anzahl von Anwohner/innen sowie „family & friends“ gruppieren, die das kleine Haus und die Demos seit August 2012 am Leben halten. Ins Gecekondu, das Herzstück von Kotti&Co, kann man tatsächlich jeden Tag zum Tee trinken kommen! Desweiteren bieten sie Mietrechts- und Sozialberatung an, betreuen eine Jugendgruppe und entwickeln Kampagnen, um für konkrete Verbesserungen zu kämpfen und ihre politischen Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie setzen sich für die Rekommunalisierung der privatisierten Sozialwohnungen ein und entwickeln gemeinsam ein Modellprojekt, wie das funktionieren könnte. Darüber hinaus sind sie in vielen Netzwerken aktiv wie z.B. im „Bündnis Solidarische Stadt“, der Berliner Mietergemeinschaft, sitzen in der Expertenkommission des Berliner Senats zum Sozialen Wohnungsbau und bereiten derzeit u.a. den Berliner Mietenvolksentscheid 2016 vor. Mit dem Namenszusatz „Co“ drücken sie aus, dass sie sich verbunden sehen mit denjenigen, die auf der ganzen Welt für ein „Recht auf Stadt“ für alle kämpfen.

Eine lokal-globale soziale Plastik? Tashy Endres[9] aus der Kerngruppe beschreibt es so: „Da kann ich nicht für Kotti&Co sprechen sondern nur für mich. Aber wenn man uns mit Beuys betrachtet, sind wir selber die soziale Plastik. Wir sind auch Künstler und das wird auch mittlerweile kulturell so anerkannt. Ich glaube, dass die ganze Kommunikationsarbeit nach Außen aber vor allem nach Innen, die ganzen Aushandlungsprozesse, die ganzen Arten und Weisen, zum Teil in verschiedenen Sprachen, auf die Dinge zu gucken und dann so lange zu diskutieren, bis man mit einer neuen Antwort kommt, mit der wirklich alle leben können – das ist eine unglaubliche Kunst! Und daran haben alle Mitglieder einen zentralen Anteil.“

Tashy Endres betont, dass man nicht von einem links-identitärem Projekt sprechen kann, weil die Struktur der Mieter/innen viel zu heterogen ist. Es geht um Miete, um Solidarität, um Recht auf Stadt und die gemeinsame Geschichte, die sie schreiben und schreiben wollen. Und dafür haben sie eine schöne, ehrliche Sprache gefunden und ihre Spuren in die Stadt eingeschrieben. Das Kotti ohne Kotti&Co ist nicht mehr vorstellbar.

4.    Sound of crisis

Das vierte Beispiel kommt einem künstlerischen Werk-Charakter vielleicht am nächsten: Das Berliner Künstlerinnen-Kollektiv Maiden Monsters[10] bereist seit zwei Jahren verschiedene europäische Länder, um die Geschichten der von der europäischen Finanzkrise betroffenen Menschen zu sammeln und weiter zu „tragen“. Als Teil dieses Kollektivs kann ich selbst beschreiben, wie es ist, wenn man die Kuschelzonen der (Berliner) Kulturproduktion verlässt, wenn man mit dem eigenen künstlerischen Werkzeug ausgestattet dahin geht, „wo es weh tut“.

Zunächst kurz zur Arbeitsweise: Wir reisen seit 2013 durch verschiedene Länder, jeden Sommer, sobald wir Zeit und ein bisschen Geld haben. Bisher waren das Frankreich, Spanien, Portugal und Griechenland. Vor Ort schlüpfen wir in unsere Performance-Kostüme, erfundene „internationale“ Folklore-Kleider, die einen optischen Möglichkeitsraum für die Gespräche herstellen. Dann beginnen wir Gespräche mit Menschen (Video, Ton, Musik, Interviews), treffen Expert/innen, verabreden uns mit Musiker/innen, lassen uns weiterreichen und besuchen Krisen-relevante Orte und Veranstaltungen. Oft werden wir durch unsere Kostüme „wie von selbst“ adressiert und in Gespräche verwickelt.

Aus diesem riesigen Fundus an dokumentarischem Material generieren wir dann in einem zweiten Schritt eine Komposition als musikalisch-visuelle Reise durch die Länder der Krise. Diese wird als Live-Konzert mit dem Titel Sound of crisis „aufgeführt“. Die Konzert-Performance ist eine soziale Plastik, die die “aufgezeichneten“ Menschen aus verschiedenen Ländern klanglich, verbal und visuell in Kommunikation und emotional-sinnlichen Erfahrungsaustausch mit den Konzertzuschauern treten lässt. Indem wir nur dokumentarisches Material verwenden (Interviewausschnitte werden zum Libretto, Musikaufnahmen zu Samples und Loops, Videodokumentation zu bewegtem Bühnenbild usw.) treten wir „hinter“ den Anspruch auf künstlerische Autorenschaft und einem „Werk“ zurück. Es geht weniger darum, uns als Musikerinnen und Performerinnen zu präsentieren, sondern vielmehr durch uns hindurch die Krisen-„Expert/innen“ aus Europa sprechen zu lassen.

Die soziale Plastik (Kommunikation statt Werk, Anteil haben lassen statt Privatisieren, Menschen statt Künstler) entsteht aber nicht erst während der Performance. Während wir aktiv an (den in Zukunft) historischen Orten und Zeiten präsent sind – aber eben nicht als Journalist/innen oder Aktivist/innen sondern als Künstlerinnen – wird es möglich, „andere“ Sprachen, Bilder und Visionen festzuhalten und weiterzugeben. Wir werden von den Menschen vor Ort anders wahrgenommen und vor allem wird uns ein anderes (vielleicht größeres) Vertrauen ausgesprochen. Es entsteht eine Intimität, die lokal und europäisch zugleich erscheint, wir symbolisieren und erfahren physisch den Möglichkeitsraum einer großen Bewegung von Menschen, die für ein gerechteres Europa leidenschaftlich kämpfen. Und dies wollen wir mit so vielen Menschen wie möglich teilen!

Schlussbemerkung

Ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, Kunst in die Wirklichkeit zu bringen und sich als Künstlerin mit emanzipatorischen „Kämpfen“ zu verbinden. Gleichzeitig will ich als Mensch mit Anderen „zusammen wachsen“, deren Begehren und Anliegen ich teile und von denen ich lernen kann.

In allen Projekten ist faszinierend zu beobachten, wie einschließend sie wirken, wie solidarisch sie sind, ohne dass sie das als „Wert“ vorher festglegt hätten, wie leidenschaftlich sie ihre Aushandlungs-Prozesse führen. Was für eine Anziehungskraft und Möglichkeitsinn-fördernde Qualität eine U-Bahn-Station auf dem Land haben kann, gerade weil man es nicht als Kunst aufstellt oder gefördert hat.

Ich muss nicht sagen, dass ich links bin, aber wenn ich emanzipatorische Werte leben will, muss ich den Mut entwickeln, diese auch mit Menschen auszuhandeln, die aus einer ganz anderen Welt kommen. Dabei hilft mir ein irritierender, eigentümlicher, schöner Moment oder Eindruck: der Page des Grand Hotels mit seinem patina-behafteten Frack, den Sound-of-crisis Dirndln auf dem Athener Syntagma Platz, das Teetrinken im Gecekondu oder die Ansprache „Wir sind Azubi, Kinder von Leuten, die…“. Mit diesem „Vehikel“ baue ich Brücken über die Grenzen der Distinktion, Vorbehalte und ideologischen Gräben hin zu einem begehrenswerten Zusammen-Leben. So entsteht dann eine soziale Plastik und der Begriff fühlt sich immer noch ganz gut an. Und nicht vergessen: Wir brauchen natürlich Freiräume für unsere Entfaltung. Ohne das leerstehende Altersheim kein Grand Hotel und ohne Wegzug keine neuen Haus-Nutzer/innen in Wittenburg.

 

[1]    Joseph Beuys formulierte es so: „Der Erweiterte Kunstbegriff richtet sich auf jedermann als einen Künstler. In jedem Menschen wird also das schöpferische, kreative Wesen angesprochen. In jedem Menschen wird das freie, sich selbst bestimmende und seine Umgebung mitbestimmende, umgestalten könnende Wesen gesehen, welches Gestaltungen im gesamt-gesellschaftlichen Bereiche vollziehen kann. (…) In diesem Tätigwerden des Menschen als einem Künstler in jeweils seinem Arbeitsfelde erscheint dieser Erweiterte Kunstbegriff als eine neue Kunstdisziplin. Man könnte sie die Soziale Skulptur nennen.“

[2]    Aus dem aktuellen Konzept, online auf http://grandhotel-cosmopolis.org zu finden.

[3]    Fantastisch nachzuhören in Marianne Weils Feature „Grandhotel für Alle!“ (Produktion DRadio Kultur 2014) unter http://www.deutschlandradiokultur.de/ursendung-grandhotel-fuer-alle.958.de.html?dram:article_id=280662 zu finden.

[4] Alle Zitate aus meinem Interview mit Ton Matton, Februar 2015.

[5] Nachzulesen und –sehen auf: http://www.grosse-potemkinsche-strasse.de/

[6] Viele Hintergrundinformationen, Bilder und Texte sind unter http://kottiundco.net zu finden.

[7] Die Mietshäuser am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg sind ein typisches Beispiel für den sozialen Wohnungsbau der 1970er Jahre und die Entwicklung auf dem städtischen Wohnungs“markt“. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft GSW wurde nach der Wende privatisiert, Eintausend ihrer Wohnungen befinden sich allein am Kotti. Die dort ansässigen Mieterinnen sind nicht besonders einkommensstark, da es sich um Sozialwohnungen handelte. Die GSW profitiert von der staatlichen Subventionierung ihrer Entstehungszeit, das Land Berlin vom Verkauf und auf der Strecke bleiben die Wohnungsnutzer/innen, die den Preisentwicklungen ausgesetzt sind.

[8]    Türkisch für „über Nacht erbautes Haus“ – Gecekondus sind informelle Häuser an den Peripherien türkischer Großstädte. Hier bezeichnet es das gemeinsam erbaute Protesthaus auf der südlichen Freifläche als Folge einer Besetzung. Dazu Tashy Endres aus der Kerngruppe: „Wir haben uns so viel gestritten, wie das aussehen soll, ich bin weiß und an der Uni, aber es gibt auch Leute, die seit 30 Jahren auf dem Bau arbeiten und vor allem wollten, dass es gut isoliert ist. Ganz andere ästhetische Vorstellungen…“

[9]    Alle Zitate sind aus meinem Interview mit Tashy Endres, Februar 2015.

[10] Informationen und Dokumentationen zum Projekt finden sich unter http://www.maidenmonsters.com