Theater als hybride Polis 2012 (Text)

Überlegungen zum Verhältnis künstlerischer Intervention im öffentlichen Raum und räumlicher Öffnung des Theaters

In meinen letzten Theater- und Performance-Arbeiten (vor allem mit der freien Gruppe „Maiden Monsters“ und in den Projekten mit Bernadette La Hengst) ging es um die Frage, wie eine reale und räumliche Öffnung der Institution Theater aussehen und welche Rolle dabei Interventionen im öffentlichen Raum spielen können[1].

Ich habe die Erfahrung gemacht, wie schwer es Theaterinstitutionen und ihren Akteuren fällt, den „öffentlichen Raum“ performativ zu erobern und künstlerisch zu denken. Oft wurde uns nahegelegt, doch ein paar Flyer des Theaters zu Werbezwecken mitzuverteilen, wenn wir sowieso schon „draußen“ sind. Zwischen Intervention und Marketing gibt es teilweise wenig Trennschärfe. Eine Forderung nach Öffnung der Theater ist angstbesetzt, Angst vielleicht vor dem Verlust von Relevanz und entsprechenden Publikumszahlen? Eine mit einer versteckten Agenda betriebene Öffnung der Theater verstellt die Chancen, die eine mutige Auseinandersetzung mit dem „Außen“ hätte.

Es besteht die Gefahr, dass gesellschaftliche Gruppen, Themen und Dynamiken das Theater als Ort und Akteur einer ästhetischen Auseinandersetzung immer weniger beachten, weil dieses den historischen Moment verpasst, den öffentlichen Raum als Ort der ästhetischen Auseinandersetzung mitzubesetzen.

Ein Insistieren auf der Einbeziehung von künstlerischen Interventionsmethoden in die Theaterarbeit wirkt sich dabei auf vielen Ebenen bereichernd auf eine Öffnung von Theater aus:

  • So haben wir z.B. von Armut betroffene Jugendliche für ein Projekt am Deutschen Theater so involviert, in dem wir sie „auf der Straße“ angesprochen und in unsere künstlerische Version  einer Heilsarmee, der „Maiden Monsters Army“, aufgenommen haben. Gemeinsam sind wir dann – nach Vorbild von Brechts Johanna – gegen die Armut kämpfend durch die Straßen Berlins gezogen[2] und haben so Material für die anschließende Inszenierung generiert. Durch die zweimonatige Intervention konnten wir eine hybride Gemeinschaft aus Menschen schaffen, die sich zusammen mit den jungen Menschen der Heilsarmee um das Thema Armut kreisend gebildet hatte. Hier zeigte sich ansatzweise das Potential von Interventionen für das Theater, was ich als hybride Polis definiere.

Das Theater verfügt über Qualitäten, die eine rein politisch-motivierte Formierung von Öffentlichkeit nicht zu leisten imstande ist. Es hat einen direkten Zugang zur Ästhetik des Performativen im Sinne Fischer-Lichtes: „[es lassen sich] in einer Ästhetik des Performativen die Bereiche Kunst, soziale Lebenswelt und Politik kaum säuberlich voneinander trennen […]. Eine in der Aufführung fundierte Ästhetik des Performativen wird daher auch Konzepte, Kategorien und Parameter entwickeln und in die entsprechende Theoriedebatte einführen müssen, welche eben diese unsauberen Übergänge, diese dubiosen Grenzüberschreitungen und explosiven Mixturen zu erfassen vermögen.“ [3]

Meine These ist, dass sich mithilfe von Strategien und Erfahrungen der künstlerischen Intervention ein Theater als hybride Polis im öffentlichen Raum generieren kann.

Aus diesen Überlegungen und dem Wunsch nach einer fundierten Auseinandersetzung mit den Entwicklungen an der Schnittstelle Theater-Intervention sind für mich wichtige Leitfragen:

a) Woraus bestehen die Berührungsängste des Theaters mit dem „öffentlichen Raum“ und Arbeitsweisen künstlerischer Intervention? Welche Konzepte von „Öffentlichkeit“ und „Raum“ lassen sich daraus ableiten? Wie stehen Akteure verschiedener (Zivil-)Gesellschaften in einem aktuellen lokal-urbanen Konfliktfeld zum Theater? Welche Konzepte haben sie?

b) Wie kann das Konzept der radikalen und pluralen Demokratie (Laclau/Mouffe) bei der fundamentalen Öffnung des Theaters helfen? Welche Konzepte öffentlicher Interventionen basieren auf ihr? Und inwiefern hilft das griechische Topos der Polis uns heute weiter?

c) Was braucht das Theater, um zu einem Akteur zu werden, der Versammlungs- und Teilhabemöglichkeit für alle Teile der Gesellschaft und den Austausch über gesellschaftliche Themen und Realitäten ermöglicht? Welche Rolle spielt dabei die Intervention im öffentlichen Raum, wie hilfreich können ihre Strategien und Methoden dabei sein?


[1] Zum Beispiel in den Arbeiten der Maiden Monsters 2007: treibstoff07 – Basel; 2008: AUAwirleben – Bern, Festival Politik im freien Theater – Köln, X-Wohnungen – Istanbul; 2009: junges schauspielhannover, Haus 73 Hamburg; 2010: junges DT Berlin, Thalia Theater, Grillo Theater, Vierte Welt Berlin; 2011: X-Wohnungen Mannheim, Thalia Theater, Heinrich-Böll-Stiftung, sophiensäle Berlin –Genaueres siehe im KapitelKünstlerische Biographie“.

[3] In: Erika Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main 2004, S. 82.